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Cicerone Performance Dr. Rudolf H. Röttinger
Kulturhistorische Führungen
in der Altstadt von Zürich
Dreissig Regeln der Stadtführung - die Nuancen vom
Guide zum Cicerone
- Freue dich an deiner Stadt und auf dein Publikum oder lass die Hände
von der Kunst der Stadtführung.
- Dir sind drei Werkzeuge erlaubt: der Zeigestab, damit du dem Publikum
die Sicht freilässt, die Taschenlampe, wenn es dunkel ist oder die Beleuchtung ausfällt,
sowie der Eingangsschlüssel, damit du Zutritt hast.
- Sei deine Führung noch so kurz, du sollst ihr ein Leitthema geben;
es dient dir dazu, zwischen den Standorten historische Bezüge zu schaffen.
- Du sollst dich sorgfältig vorbereiten, damit du frei sprechen
kannst; Ablesen von Spickzetteln zerstört die Spannung augenblicklich.
- Du sollst den Treffpunkt so wählen, dass du dein Publikum gleich zu
Beginn mit einer Überraschung fesseln kannst.
- Du sollst Route und Standorte dem Blätterkleid von Bäumen und
Büschen, der Witterung, dem Sonnenstand, dem Verkehr und den Baustellen anpassen.
- Du sollst unmittelbar vor deiner Führung nochmals alle Standorte
rekognoszieren; so bist du sicher, dass du Zutritt hast, kannst Lärmquellen meiden und
störst niemanden mit deiner Führung.
- Du sollst beim Start im Kopf haben, um welche Zeit du an welchem
Standort bist.
- Du sollst einen vorbehaltenen Entschluss haben, welchen Standort du
streichst, falls du einmal in Zeitnot gerätst.
- Du sollst nie vorzeitig, aber stets pünktlich am Treffpunkt
erscheinen.
- Die Kunstgattung der Stadtführung ist verwandt mit der musikalischen
Improvisation: in der Exposition sollst du das Leitthema bringen, ohne die Route zu
verraten.
- Vor dem Publikum sollst Du niemals auf deine Uhr schauen; verlasse
dich auf deine innere Uhr, die du anhand von Kirchturmuhren oder Viertelstundenschlägen
laufend eichen kannst.
- Du sollst laut und deutlich reden.
- Soli urbi gloria: Du sollst niemals über dich selber sprechen; du
bist Stadtführer; das Thema ist deine Stadt.
- Du sollst nie von früheren Führungen erzählen; dein Publikum will
nicht nur das beste sein, das du je geführt hast, sondern immer auch das erste.
- Stadtverkehr und Trittstufen bergen mannigfache Gefahren; du sollst
nur sprechen, wenn deine Gruppe an sicherem Ort stillsteht und wieder aufmerksam ist.
- Du hast deine Standorte sorgfältig ausgewählt; achte darauf, dass
sich dein Publikum so aufstellt, dass es das Phänomen sieht, das du ihm zeigen willst.
Sprich das an, was deine Gruppe sieht.
- Scheue dich nicht, zu unterbrechen und den Standort zu wechseln, um
auf weitere Besonderheiten einzugehen.
- Nicht um gelehrt zu erscheinen, sondern um prägnant zu formulieren,
sollst du Fach- und Fremdwörter gebrauchen; erkläre sie stets unaufgefordert.
- Du sollst mehr zum Thema wissen, als du erzählst; damit kannst du
Fragen überzeugend beantworten.
- Dein Publikum verlangt nicht, dass du allwissend bist; wenn du ein
Detail nicht kennst, biete an, es zu recherchieren und es per E-Mail nachzuliefern.
- Du sollst mit wachen Sinnen unterwegs sein; packe dein Publikum mit
überraschenden Hinweisen auf die alltäglichen Kleinigkeiten, die deine Stadt ausmachen:
Bewegungen, Geräusche, Gerüche, die geologische Herkunft eines Steins, ein nicht mehr
selbstverständlicher Strassenname, der Verlauf der Gasse, der neu angekommene Zugvogel,
der technische Grund für das trotz nebelverhangenem Himmel funkelnde tiefblaue Antikglas
im Chorfenster, der näselnde Ton der spanischen Trompete acht Fuss, wenn dich die Orgel
übertönt, oder das durch den umplacierten Scheinwerfer neu ins Auge fallende Objekt.
- Du sollst andere Städte aufmerksam erforschen; damit erkennst du,
was in deiner Stadt hervorsticht, gleichartig ist oder gar nicht vorkommt.
- Behalte stets dein Publikum im Auge; du sollst zum nächsten Standort
wechseln, bevor die Aufmerksamkeit deiner Gruppe nachlässt.
- Als Meisterin oder Meister deines Fachs hast du Anrecht auf die
Aufmerksamkeit deines Publikums; du sollst deine Ausführungen unterbrechen, wenn jemand
das Handy zückt, ohne von der Gruppe Abstand zu nehmen.
- Falls die Zeit knapp wird und du einen Standort streichst, soll dein
Publikum davon nichts merken; schlage an einem andern Standort den Bogen zur Hauptsache,
die du am ausgefallenen Standort hast zeigen wollen.
- Setze einen markanten Schlusspunkt; in der Reprise sollst du das
Leitthema nochmals aufgreifen und die auf der Führung herausgearbeiteten Erkenntnisse
zusammenfassen.
- Höre ebenso pünktlich auf, wie du begonnen hast.
- Der verlässlichste Lehrmeister ist deine Gruppe; du sollst dir nach
jeder Führung überlegen, welche drei Dinge du nächstes Mal noch besser machen willst.
- Und die dreissigste Regel: Dein Publikum soll nicht merken, dass du
hart arbeitest; deine Erläuterungen sollen mit ciceronischer Leichtigkeit daherkommen.
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